Tandemclub Offenbach - für Blinde, Sehbehinderte und ihre Freunde e.V. - Druckansicht Montag, 22.04.24

Die Entscheidung, unseren diesjährigen Mehrtagesausflug in Tann zu verbringen, viel einige Monate zuvor sehr schnell: Johannes, Rima und ich fuhren am 08.03.11 in die Rhön, um nach einer geeigneten Unterkunft für uns zu suchen. Wir hatten uns zuvor einige Unterkünfte aus dem Internet heraus gesucht und mehrere Pensionen angerufen, um uns anzukündigen. Dabei fielen schon die ersten Unterkünfte heraus, denn einige waren zu klein, andere waren bereits nahezu ausgebucht und hatten somit keinen Platz mehr für uns. Die Pension Mihm wurde uns von einer Bekannten ans Herz gelegt und nach telefonischer Absprache stand der Besichtigungstermin. Wir wurden sehr herzlich begrüßt und fühlten uns sofort wohl. Schnell stand fest, daß wir unseren Mehrtagesausflug 2011 hierher nach Tann machen werden. Nun hatten wir noch Zeit, denn wir brauchten uns ja keine weitere Pension mehr ansehen. Deshalb machten wir noch zwei kurze Ausflüge zum Point Alpha und anschl. auf die noch mit Schneeresten bedeckte Wasserkuppe, bevor wir zurück nach Offenbach fuhren.

Wenige Monate später war die Vorfreude sicher nicht nur bei mir groß, daran konnten auch die trüben Wetteraussichten nichts ändern. Ich freute mich auf die Radtouren über Bahnradwege, also moderate Steigungen in der ansonsten doch bergigen, landschaftlich wunderschönen Rhön und auch ganz besonders darüber, daß wir dank Kurt Mihm, der uns als begeisterter Radfahrer auch als Pilot zur Verfügung stand, sowie einer ganz neuen Pilotin unseres Vereins, die relativ spontan entschlossen war, uns nach Tann zu begleiten, alle Mitfahrer auf unsere Touren mitnehmen konnten.


1. Tag (Donnerstag, 21.07.11)
Mit 5 Autos brachen wir in Richtung Tann auf, wobei 4 Fahrzeuge um 10:30 Uhr in Fulda-Götzenhof verabredet waren. Hier, am Beginn des Milseburgradweges, luden wir 4 Tandems vom Hänger ab und somit konnten sich 8 Tandemfahrer auf die wunderschöne Strecke nach Tann begeben. Der Milseburgradweg ist ein hervorragend zu befahrender, asphaltierter Radweg. Leider stören besonders auf den ersten Kilometern sehr eng stehende Drängelgitter. Mit einem Tandem dort durch zu fahren, ist nicht immer möglich und ich finde sie an einigen Stellen sogar gefährlich! Wie man hier schön nachlesen kann, sehe ich das nicht nur alleine so.

Durch solche baulich grotesken Maßnahmen lassen wir uns den Spaß aber natürlich nicht nehmen. Die ersten 15 Kilometer geht es stetig leicht bergauf, dann kommt das große Erlebnis Milseburgtunnel. Bevor wir den Tunnel erreicht haben, machten wir noch eine kurze Trinkpause und genossen die Aussicht über die Kuppenrhön sowie die Ruhe in dieser wunderbaren Landschaft. Ich las ein Schild über die Entstehungsgeschichte der Rhön vor, dabei lauschten wir auch den vielen Vogelstimmen, die zu hören waren. Nur manchmal konnte man in der Ferne ein Auto hören...was für eine Idylle. Als wir den Tunnel beinahe erreicht hatten, begann es ganz heftig zu regnen. Wir stellten uns am Eingang des Tunnels auf und sahen dem Regen zu. Es dauerte nur wenige Minuten und im Tunnel bildete sich schaurig schöner Nebel. Als wir durch den nebligen Tunnel fuhren, leuchteten die Lampen im Tunnel wie kleine Ufos. Mit dem Tunnel hatten wir auch den höchsten Punkt des Milseburgradweges erreicht und von jetzt an ging es viele Kilometer leicht bergab. Ein tolles Fahrvergnügen, trotz des noch leichten Regens. Vor Hilders, dem Ende des Milseburgradweges, bogen wir links ab und fuhren weiter auf den R3 über zum Teil wenig befahrene Straßen. Es ging jetzt immer wieder leicht bergauf oder bergab, aber die Strecke war trotzdem leicht zu fahren. Erst die letzten 500 Meter vor unserer Pension in Tann-Schlitzenhausen hatten es so richtig in sich, da mußten wir alle schieben.
Nach etwa 40 Kilometern hatten wir unsere Pension erreicht. Unser Gepäck war natürlich längst schon da, das hatten die nicht radfahrenden Mitglieder ja in den Autos mitgebracht. Wir gingen auf die Zimmer, machten uns frisch und später ging es dann zum Abendessen in den nahegelegenen Gasthof "Zum Lämmchen". Nach dem Abendessen machten einige von uns noch einen kleinen Spaziergang in Richtung Tann und schon war der erste von 4 Tagen in der Rhön vorbei...

2. Tag (Freitag, 22.07.11)
An diesem Freitag hatten wir für den Abend eine Apfel-Sherry-Verkostung geplant, da durfte die Radtour nicht zu groß ausfallen. Nach dem gemeinsamen, gemütlichen und vor allem wie immer sehr liebevoll hergerichtetem Frühstück machten sich 6 Tandems auf den Weg nach Phillipsthal. Die Abfahrt unmittelbar an der Pension brachte unser Tandem innerhalb weniger Sekunden auf 60 km/h, dann mußten die Bremsen schwere Arbeit leisten. Der Ulstertalweg führt an der Pension vorbei, wir fuhren auf ihn 27 Kilometer bis nach Phillipsthal. Im Schloß warteten bereits einige Autofahrer und so traf sich ein großer Teil unserer Gruppe zum Essen im Schloß. Gemütlich fuhren wir nach dem Essen wieder den gleichen Weg zurück zur Pension. Am frühen Abend brachten uns dann zwei Shuttle-Busse nach Ehrenberg-Seiferts zum Rhöner-Apfel-Sherry-Theater (R.A.S.T.). Nach dem auch hier ganz hervorragendem Abendessen 'begann das Theater'. Erst erzählte uns uns die Frau des Hauses, wie es zu diesem Theater kam, welche Schwierigkeiten beim Umbau des Hauses zu bewältigen waren und wie der Apfel-Sherry entsteht. In einem Video wurde uns dann vieles über den Apfelanbau in der Rhön gezeigt, dann begann die Verkostung. Zunächst erfuhren wir zu jedem Sherry, der in großen Glasballons aufgestellt stand, wie es zu dieser Sorte kam, welche Besonderheiten ihn auszeichnen und so weiter. Danach konnten jeder mit einem Glas in der Hand probieren, welcher Apfel-Sherry ihm besonders schmeckt und natürlich nahmen beinahe alle im Laden nebenan ihre Liebliengssorten mit nach hause. Dann brachten uns die beiden Busse in wenigen Minuten wieder bequem bis vor die Haustür unserer Pension in Tann-Schlitzenhausen.

3. Tag (Samstag, 23.07.11)
Am Samstag wollten wir den Kegelspielradweg entlang fahren. Ich freute mich ganz besonders, denn ein Bekannter hatte mir von diesem zwar relativ kurzen (27 km), dafür aber wunderbar zu befahrenden Radweg mit herrlichen Aussichten auf das hessische Kegelspiel vorgeschwärmt. Jetzt empfahl uns auch Kurt Mihm diesen Weg, da mußte es doch etwas besonders schönes sein...

Die ersten Kilometer ging es wie am Vortag auf den Ulstertalradweg, dann bogen wir ab und waren nach wenigen Minuten am Beginn des Kegelspielradweges. Dieser begann hier mit einer kräftigen Steigung, die wir alle ersteinmal hochschieben mußten. Aber was dann kam, war ein wie versprochen hervorragend zu befahrener Radweg mit herrlichen Aussichten auf die Berge rundherum. Außerdem stehen die Drängelgitter so weit auseinander, daß man sie bequem mit dem Tandem durchfahren kann, völlig mühelos! Es geht also, wenn die an der Planung beteiligten auch an Tandems oder Radfahrer mit Kinder-Anhänger denken. Ich sage einfach mal danke an die unbekannten Planer des Radweges!!!

In Eiterfeld machten wir in einer Pizzeria eine Pause und überlegten uns, ob wir noch bis zum Viadukt weiterfahren würden. Ursprünglich hatten wir es uns so gedacht, daß die Teams, die nicht bis zum Ende des Kegelspielradweges konnten oder wollten unterwegs auf uns warten oder sich selbstständig gemütlich auf den Rückweg machen würden, bis wir sie wieder einholen würden. Der dritte Tag nacheinander auf dem Rad hatte einigen doch schon etwas zugesetzt, so daß erst nur zwei Tandems, als es dann soweit war nur noch ein Tandem den Radweg bis zum Viadukt weiter fahren wollte. Ich fand das zwar sehr schade, aber natürlich wollte ich den Viadukt auch sehen und so machte ich mich mit Rima als einzelnes Tandem weiter auf den Weg zum Viadukt bei Klausmarbach. Dort angekommen machten wir eine größere Pause, genossen die Luft, die Aussicht und vor allem das Gefühl, irgendwie über die meisten Baumwipfel zu stehen. Unter dem Viadukt hindurch ging wohl der Haunetalradweg, jedenfalls wies ein Schild darauf hin, daß es nur wenige hundert Meter bis zu diesem Radweg sein sollten. Leider mußten wir uns auf den Rückweg machen, denn um 18:00 Uhr waren wir alle im Gasthof in Tann zum Abendessen verabredet. Auf dem Rückweg ging es zunächst leicht bergauf und unsere Kräfte schwanden zusehends, so daß wir bald merkten, daß wir uns wohl verspäten würden. Wir hatten ja das Navi dabei und so wußten wir, daß wir ein kleines Stück am Ende des Kegelspielradweges abkürzen konnten und wollten das dann auch tun. Der kürzere Weg führte allerdings über Point Alpha, was uns erst klar wurde, als wir schon minutenlang mit einer nicht ganz leichten Steigung kämpften. Egal, umdrehen wäre Blödsinn gewesen und so machten wir uns gegenseitig Mut, spornten uns an und schafften es letztendlich ohne Pause und ohne aus dem Sttel zu gehen! Wo wir nun schon mal hier oben waren, machten wir eine kleine Pause zum Trinken und schnell noch ein paar Fotos, denn das mußte doch dokumentiert werden. Jetzt ging es bergab und der Rest des Weges wäre ein Kinderspiel gewesen, wenn ich nicht ganz wenige Kilometer vor der Pension wieder an eine Abkürzung glaubte, dem Navi folgte und wir uns dann auf dem immer schlechter werdenden Weg festgefahren haben. Der Weg, der im Navi eingezeichnet war und so schön breit begann, endete auf einer vom Regen durchweichten Wiese. Nun waren wir endgültig zu spät, aber das konnten wir jetzt leider nicht mehr ändern. Wir hatten unsere Kräfte ein wenig überschätzt, der Rückweg wurde dann doch etwas länger, als wir gedacht hatten. Völlig fertig genossen wir das gemeinsame Abendessen im Restaurant. Es war wieder ein herrlicher Tag!

4. Tag (Sonntag, 24.07.11)

Wir, also Rima und ich, hatten uns schon im Vorfeld überlegt, wie weit wir ab Tann fahren würden. Auf keinen Fall wollten wir direkt von Tann aus mit dem Auto zurück fahren, dazu sind wir viel zu gerne mit dem Rad unterwegs. Leider hatte aus unserer Gruppe niemand sonst Lust, wenigstens von Tann bis nach Fulda mit uns zu fahren. In Fulda steht der Zug eine Weile, deshalb kann man dort in aller Ruhe die Tandems in den Zug bringen. Also kamen wir auf die Idee, möglichst früh mit dem Tandem zu starten und dann so weit Richtung Offenbach zu fahren, wie wir schaffen würden. Ab Fulda fährt man ja parallel zur Eisenbahnstrecke, so daß ein Zustieg alle paar Kilometer möglich ist.

Wir wollten um 07:00 Uhr bereits unterwegs sein, denn da wir nicht schnell fahren würden, war die Zeit vermutlich das größte Hindernis für unser Vorhaben. Aber als ich um 06:30 Uhr meine Satteltasche zum Tandem bringen wollte und am Frühstücksraum vorbei kam, sah ich zwei extra für uns beide gedeckte und vorbereitete Plätze. Obwohl wir Frau Mihm am Abend zuvor sagten, daß wir ohne Frühstück aufbrechen würden, etwas zu knabbern dabei hätten und dann unterwegs ein wenig frühstücken würden, wollte sie uns ganz offensichtlich nicht 'hungrig und durstig' auf die Strecke schicken. Bis zum Schluß wurden wir umsorgt, so daß wir uns wie zu hause fühlen konnten! Also genossen wir den bereitgestellten warmen Kaffee, das Brot und das Stückchen Kuchen, unterhielten uns mit den ersten Frühaufstehern, die ein wenig spazieren oder aber mit den Hunden gassie gehen wollten und so wurde es nichts mit dem ganz frühen Aufbruch. Die Uhr zeigte 07:44 Uhr, als wir mit dem Tandem vom Hof rollten und uns auf den Weg nach Offenbach machten...

Wir waren ein wenig müde und schlapp, denn die Fahrt über Point Alpha am Vortag hatte doch gewaltig Kraft gekostet. Deshalb überlegten wir sogar kurz, ob wir nicht schon in Fulda in den Zug steigen müßten, aber bis dahin hatten wir ja noch 40 Kilometer Zeit zum Überlegen. Wir trafen einen Radfahrer, der mit seinen beiden Hörgeräten ersteinmal 'auf Empfang gehen mußte', aber dann fuhren wir ein Stück nebeneinander her und unterhielten uns über das woher und wohin, bevor er am Milseburgradweg Richtung Wasserkuppe abbog und wir Richtung Fulda. Sehr gemütlich ging es bis zum Milseburgtunnel leicht bergauf, dann machten wir eine kurze Pause und zogen die Regenjacken fest über die Ohren. Nicht weil es regnete, sondern weil der kühle Wind doch unangenehm war und wir wußten, daß es die nächsten 15 Kilometer bergab ging und wir uns vor dem kühlen Wind schützen wollten. Meist ließen wir es rollen und so konnten wir die Natur, die so langsam erwachte, in vollen Zügen genießen. In Fulda-Götzenhof wollten wir dann eine etwas größere Pause machen, denn wir hatten etwas Hunger und vor allem waren wir immernoch relativ kraftlos, obwohl wir die letzten Kilometer kaum treten mußten. Wir hatten längst beschlossen, daß wir ja alle Zeit der Welt hatten und obwohl wir nur sehr langsam voran kamen, wollten wir auf keinen Fall schon in Fulda in den Zug steigen. Deshalb schoben wir den jetzt vor uns liegenden Berg hinauf bis Fulda-Lehnerz. Der R3 führt kurz an einer Hauptstraße vorbei, man muß über eine große Ampelkreuzung und kann dann aber wunderbar weiter fahren. Ich freute mich, daß wir nicht versucht hatten, den Berg zu umfahren. Der jetzt vor uns liegende Hessische Landrücken mit seinen vielen Hügeln sorgte nicht dafür, daß wir jetzt schneller voran kamen. Berg hoch schoben wir, um Kraft zu sparen und bergab ließen wir es meist rollen. Ich weiß nicht mehr genau, ob es Flieden oder Schlüchtern war, als wir nach einer kilometerlangen Abfahrt eine Kaffee-Pause einlegten, aber ab da lief unser Tandem plötzlich wie von selbst. Nicht, daß wir jetzt besonders schnell vorwärts gekommen wären, aber irgendwie hatte uns der Kaffee aufgemuntert, die Knochen waren nicht mehr müde und wir bedauerten, daß es schon so spät war. Immerhin hatten wir noch 80 Kilometer vor uns und weil es jetzt richtig gut lief, wollten wir zumindest bis Hanau auf keinen Fall in den Zug steigen. Gegen 20:00 Uhr waren wir in Hanau, geschafft aber keineswegs völlig fertig. Deshalb überlegten wir nicht lange und fuhren nach einer kurzen Pause weiter bis Offenbach. Nach 160,9 Kilometern kamen wir um 21:30 Uhr erschöpft aber überglücklich in Offenbach an. Wir sind beide noch nie so viele Kilometer an einem Tag gefahren und das tollste: wir wußten beide sofort, daß wir am nächsten Tag wieder aufs Rad gestiegen wären, wenn unser Urlaub nicht schon wieder vorbei gewesen wäre. Morgens die Rhön, mittags über den hessischen Landrücken und dann durch das wunderschöne Kinzigtal...ein tolles Erlebnis, was wir immer wieder wiederholen würden!!!

André